Der 6C 2300, Attraktion auf dem Stand von Alfa Romeo bei der Mailänder Motor Show im April 1934, war das jüngste Glied in einer evolutionären Kette, die mit dem 6C 1500 begonnen hatte. Drei Ziele verfolgten seine Väter: Auf dem aktuellen Stand der Dinge, sollte der Neue sportlich und preiswert sein und auf rationelleren Wegen als bisher gefertigt werden, was sich gleichwohl auch in einem ungewohnt sorglosen Finish niederschlug.
Zugleich gedachte man, wie stets, möglichst viele Neigungen und Bedürfnisse zu bedienen. Familien von mediterraner Fruchtbarkeit sollten in der Produktpalette aus Portello ebenso fündig werden wie das junge Glück zu zweit oder der wütend driftende Sportsmann. Über einem langen Fahrgestell mit 3218 mm Radstand wurde der 6C 2300 als Turismo (68 PS bei 4400/min, 120 km/h Spitze) etwa als sechs- bis siebensitziger Berlina angeboten. Daneben war er über einem kurzen Radstand von 2925 mm als Gran Turismo (76 PS bei 4400/min, 130 km/h schnell) mit Berlina-Aufbauten aus eigener Fertigung sowie diversen Coupé- und Cabrioletkarosserien von Couturiers wie Touring, Castagna, den Stabilimenti Farina, Ramseier oder Graber zu haben und als Sport-Version Pescara, benannt nach einem Rennerfolg bei der Targa Abruzzo.
Beispielsweise als Berlinetta von Touring mit einem knappen Aluminium-Wams angezogen, befähigte diese ihren Lenker dank 95 munteren PS bei 4500/min zu durchaus zügiger Fahrweise und war 145 km/h flink.
Der Block des potenten Sechszylinders bestand aus Grauguss, der Zylinderkopf wie auch die Ölwanne aus Leichtmetall. Den Antrieb der beiden hohlgebohrten Nockenwellen besorgte nun eine Kette, was den Geräuschpegel zur Bestürzung der Puristen erheblich minderte. Diese verdross überdies, dass die dritte und vierte Fahrstufe synchronisiert waren.
Innen in die beiden kastenförmigen Längsträger des Rahmens hatte man zwecks Gewichtsersparnis große Löcher gefräst. Ansonsten gab es über das Chassis kaum Neues zu berichten – noch. Denn bereits 1935 wartete Alfa Romeo mit einem echten Knüller auf in Gestalt der Ausbaustufe 6C 2300 B, einem der ersten europäischen Serienautos mit Einzelradaufhängung. Die Chassisträger waren tiefer angesiedelt und erheblich versteift worden. Die Vorderräder hingen an Querlenkern, eingekapselten Schraubenfedern und hydraulischen Stoßdämpfern, die hinteren an einer Pendelachse System Porsche mit Drehstabfederung. Dem Turismo hatte man zwei Pferdestärken mehr spendiert.
In einer zweiten Auflage von 1938 wurde der 6C 2300 B mit einem neuen Getriebe mit geräuschlos agierenden Zahnradpaaren und Lochscheibenrädern als Lungo (Radstand 3250 mm), als Corto (Radstand 3000 mm) und – auf Rudge-Speichenrädern wie bisher rollend –
als Mille Miglia offeriert, Nachfolger des Pescara.
Die Geschichte seines Namens entbehrt nicht der Pikanterie: Beim 1000-Meilen-Rennen von Brescia 1937 arbeitete sich ein Berlinetta dieses Typs, eingekleidet von Touring-Designer Bianchi Anderloni, bis auf Rang vier vor. Er gehörte Italien-Führer Benito Mussolini, und als erster Fahrer war dessen Chauffeur Ercole Boratto gemeldet. Die ganze Arbeit tat indessen dessen Copilot Giovanni Battista Guidotti, während Boratto den Ruhm einstrich.
Von den insgesamt 1606 Exemplaren des 6C 2300 entfielen 107 auf den Mille Miglia – einschließlich Mussolinis Berlinetta und einem Spider für Franco Cortese bei der gleichen Veranstaltung ein Jahr später.