Seine Proportionen", schrieb die amerikanische Zeitschrift Car & Driver im Mai 1964, "reichen an Perfektion heran." Im September des gleichen Jahres zeigte ihn die deutsche Illustrierte Revue auf einem Titelbild und nannte ihn schlicht "das schönste Auto der Welt". Und als 1975 Juroren die 60 attraktivsten automobilen Zeugnisse des Jahrhunderts seit 1903 für eine Ausstellung im kalifornischen Newport Harbor Art Museum auswählten, bestand kein Dissens darüber, dass er dazu gehörte – der Ferrari 250 GT/L, genannt Lusso. Dabei erschien er bei seiner Premiere, dem Pariser Salon vom 4. – 14. Oktober 1962, verspätet wie eine Primadonna, nämlich erst am letzten Sonnabend.
Ferrari-Hausschneider Battista Pininfarina begleitete sein metallic-taubengraues Geschöpf höchstselbst, aber das Echo war zunächst zurückhaltend. Im Februar dieses Jahres war die Produktion des 250 GT Berlinetta ("Short Wheelbase") ausgelaufen, und der GTO war als Wettbewerbsfahrzeug gemeint. Der 250 GT/L aber, der in der Abfolge von zweisitzigen Straßensportwagen für Kontinuität sorgen sollte, übernahm Elemente von beiden, sowohl technische als auch formale.
Dazu gehörte das Chassis (Radstand: 2400 mm), nur dass der Querschnitt der Komponenten des Rohrrahmens geringer war als früher. Vorn waren die Borrani-Räder wie üblich an Trapez-Dreieckquerlenkern und Schraubenfedern aufgehängt, hinten fand sich eine Starrachse mit Halbelliptik- und zusätzlichen Schraubenfedern um die Teleskopstoßdämpfer von Koni und Längsschublenkern. Aus dem GTO überkommen, verband ein Wattgestänge das Differentialgehäuse mit dem Fahrgestell, aber dessen Fünfganggetriebe war, zum Bedauern vieler, fürs erste wieder auf Eis gelegt worden. Die Maschine – das "Kurz"-Triebwerk, Copyright Gioacchino Colombo – hatte man ein paar Zentimeter nach vorn verlagert.
Daraus resultierte mehr Innenraum, vor allem hinter dem Gestühl, wo man vermittels zweier Lederriemen auch größere Gepäckstücke festzurren konnte. Dieser Vorgang erforderte Behendigkeit und physische Kraft, da sich die Lehnen der ansonsten gut ausgebildeten Schalensitze nicht umlegen ließen. Die Armaturentafel war mit mattschwarzem Leder überzogen und hielt eine für dieses Modell spezifische Kuriosität bereit: Die beiden großen Hauptinstrumente, Tachometer und Tourenzähler, erteilten ihre Auskünfte, leicht zum Piloten hin angewinkelt, von einem Exil oberhalb der Mittelkonsole her, während fünf kleine Runduhren unmittelbar in dessen Blickfeld jenseits des hoch und fast vertikal stehenden Lenkrads angesiedelt waren.
Lusso bedeutete übrigens nicht, dass dieser 250 GT besonders aufwendig ausgestattet gewesen wäre, sondern es handelte sich um ein Ferrari-Haushaltswort, das sich auf jedes seiner Straßenautos mit einem entschärften Triebwerk beziehen konnte. Zwischen Januar 1963 und dem August des folgenden Jahres wurden bei Scaglietti in Modena 350 Exemplare des 250 GT/L karossiert, in Stahl, abgesehen von den Türen und den beiden Hauben, die aus Aluminium bestanden, jedes von ihnen in der Tat eine "Skulptur auf Rädern", wie Ferrari-Connaisseur Antoine Prunet den 250 GT/L einmal nannte…